Freitag, 14. Juli 2017

Abschied vom autonomen Auto

Abschied vom autonomen Auto

14.07.2017 08:53 Uhr Daniel AJ Sokolov

(Bild: CC0)

Das selbstfahrende Auto wird wohl kein vollständig autonomes Auto werden: Leitzentralen sollen ein Auge auf die Kraftwagen werfen und ihnen beratend zur Seite stehen.

"Wir können nicht erwarten, dass autonome Fahrzeuge herumfahren, ohne von einer Person überwacht zu werden", meint Maarten Sierhuis, Direktor des Nissan-Forschungszentrums im Silicon Valley. Das würde auch niemand wollen. "Keine Chance, dass es vollautonome Systeme ohne menschliche Supervision gibt", sagte er im Gespräch mit heise online, "Egal, wie intelligent es ist. Nein, daran glaube ich nicht." Denn es gäbe zu viele Unwägbarkeiten. Sein Lösungsvorschlag fußt auf "Mobility Control Centers", also Leitzentralen.

Maarten Sierhuis
Dr. Maarten Sierhuis, Direktor des Nissan Research Center, Silicon Valley Vergrößern
Bild: Nissan
Diesen Ansatz hat Sierhuis diese Woche auf dem Automated Vehicles Symposium in San Francisco vorgestellt. Ähnlich wie Fluglotsen vom Boden aus Flugzeuge anleiten, würden Mitarbeiter eines Mobility Control Centers fahrerlosen Vehikeln beistehen. Das Fahrzeug fährt dabei grundsätzlich autonom. Bei Schwierigkeiten nimmt es aber automatisch Kontakt mit einer Leitzentrale auf und überträgt Sensordaten über Mobilfunk in Echtzeit.

Ein Mensch muss diese Daten dann auswerten und dem Fahrzeug einen Ausweg aus der Bredouille weisen. Als Beispiele nannte Sierhuis eine rote Ampel, bei der ein Verkehrsorgan die Fahrzeuge durchwinkt, oder ein Hindernis auf der Fahrbahn: "Wir sagen dem Fahrzeug dann, dass es OK ist, in dieser Situation die doppelte Sperrlinie zu überqueren."

Keine Fernsteuermänner, sondern Lotsen

Baustellenarbeiter mit mobiler STOP-Tafel
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Bild: Mitchell Haindfield CC BY 2.0
Die Fahrt selbst führt das Kfz aber wieder autonom durch. Sierhuis betonte, dass es kein "Joysticking" geben soll. Der Lotse übernimmt also nicht die Steuerung des Fahrzeugs, sondern zeichnet lediglich den sinnvollsten Weg vor. Nissan hält mehrere Patente für dieses Konzept, und hat dessen Funktionsfähigkeit mit einer kleinen Zahl an Fahrzeugen und LTE-Mobilfunk demonstriert.

Dieses Jahr soll das Verfahren auf öffentlichen Straßen im Silicon Valley getestet werden. "Mit keiner Silbe behaupten wir, dass wir bereit wären, das überall auf der Welt einzusetzen", sagte der Forschungsmanager. Beispielsweise sei noch nicht klar, wie die Datenübertragung mit tausenden oder hunderttausend fahrerlosen Fahrzeugen in einer Region bewältigt werden kann. Klar sei, dass nur ausgewählte Informationen live übermittelt werden sollen.

Soll kein Allheilmittel sein

Daher hat sich Nissan auch noch nicht auf ein zukünftiges Geschäftsmodell für die Mobility Control Center für fahrerlose Autos festgelegt. Ob das jeder Fahrzeughersteller für sich mache, eine Gruppe von Herstellern gemeinsam, eine unabhängige Firma oder eine Behörde, werde sich weisen. Und Nissan sei grundsätzlich nicht abgeneigt, die entsprechenden Patente zu lizenzieren.

Vom vernetzten zum autonomen Auto

Das selbstfahrende Auto erlebt eine nahezu wundersame Verwandlung: Von einer verwegenen Idee, mit der sich die Nerds bei Google beschäftigten, zur Vision für die Fortbewegung der nahen Zukunft.

Auch die genaue Aufgabengestaltung der Lotsen werde sich erst mit der Zeit herauskristallisieren. Und die Mobility Control Centers seien kein Allheilmittel: "Wir behaupten nicht, dass wir damit alle Probleme lösen können", unterstrich Sierhuis. Fahrerlose Fahrzeuge müssten so weit entwickelt werden, dass sie sich und ihre Insassen auch ohne Mobilfunkverbindung in Sicherheit bringen können – ähnlich wie es bei der Internationalen Raumstation oder Robotern auf dem Mars gehandhabt wird: "Die kümmern sich auch um sich selbst, wenn sie keine Verbindung zur Kontrollstation haben."

Kalifornien schreibt Leitzentrale vor

Kalifornien steht kurz davor, den Betrieb fahrerloser Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen zu erlauben. Vorgeschrieben wird aller Voraussicht nach eine dauerhafte Funkverbindung zwischen jedem Fahrzeug und dessen Leitstelle. Diese muss den Betrieb überwachen und mit etwaigen Passagieren sprechen können.

Eine Fernsteuerfunktion wird nicht verlangt. Mehr Diskussionen hat der Umstand ausgelöst, dass Kalifornien auf unabhängige Sicherheitstests für kommerziell betriebene autonome Fahrzeuge verzichtet.

(ds)


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