Dienstag, 11. Juli 2017

Spotify soll Playlists mit Fake-Bands auffüllen, um Kosten zu sparen

Spotify soll Playlists mit Fake-Bands auffüllen, um Kosten zu sparen

11.07.2017 16:02 Uhr Daniel Berger

Streaming-Dienst Spotify wird beschuldigt, seine Playlists mit Bands aufzufüllen, die es gar nicht gibt. Will Spotify damit etwa Lizenzgebühren sparen? Der Streaming-Dienst widerspricht den Vorwürfen energisch.

Spotify bietet seinen Hörern zahlreiche Playlists, die etwa entspannende Klaviermusik versammeln. Erstaunlich viele Musiker auf diesen Listen haben jedoch nur ein, zwei Songs produziert. Außerdem sind sie nur auf Spotify zu finden und sonst nirgends im Netz: auf keiner Facebook-Seite, auf keiner Webseite, auf keiner Musik-Plattformen. Das ist ungewöhnlich, befand Music Business Worldwide (MBW) – und konfrontierte Spotify mit einem Verdacht: Die Bands seien ausgedacht und nichts als Fake. Diesen Verdacht hatte MBW vergangenes Jahr schon einmal geäußert.

Spotify widersprach den Vorwürfen nun aber energisch und erklärte, man habe niemals Fake-Bands und Fake-Musik kreiert und werde dies auch niemals tun. Die Anschuldigungen seien kategorisch falsch, "full stop". Spotify erklärte weiter, dass man kein Label sei. Die angebotene Musik wäre von ihren jeweiligen Rechteinhabern lizenziert. Für jeden Stream zahlt Spotify den Rechteinhabern etwas Geld – 2013 waren es bis zu 0,84 Cent pro Song.

Deep Watch hat eine EP und insgesamt 3,8 Millionen Streams – aber keine offizielle Website und keine Facebook-Seite? Außerhalb von Spotify scheint die Band nicht zu existieren.
Deep Watch hat eine EP und insgesamt 3,8 Millionen Streams – aber keine offizielle Website und keine Facebook-Seite? Außerhalb von Spotify scheint die Band nicht zu existieren. Vergrößern

50 Bands ohne Biografien?

MBW versammelte 50 Bands und Musiker, die den Redakteuren verdächtig vorkamen. Zusammengerechnet kamen die ausgewählten Künstler auf 520 Millionen Spotify-Streams. Auffällig war, dass die Musiker im Internet nirgends auftauchten – ihre Songs aber Millionen Streams bei Spotify verbuchten. Deep Watch etwa hat bei Spotify eine EP mit zwei Songs veröffentlicht; der Titel "Moments" wurde mehr als drei Millionen mal gestreamt. Außerhalb von Spotify existieren jedoch weder Deep Watch noch ihre EP: Weder eine offizielle Website noch irgendeine andere Art der Selbstdarstellung sind zu finden, berichtet The Guardian.

Deep Watch und viele andere der mutmaßlichen Fake-Musiker sind aber auf den großen Spotify-Playlists mit Millionen von Abonnenten gelistet. Doch wieso sucht Spotify ausgerechnet Bands aus, die außerhalb des Streaming-Dienstes nicht zu existieren scheinen? Ein Informant erzählte MBW, dass die Tracks für den Streaming-Dienst günstiger seien als die Musik der traditionellen Major-Labels. Für Spotify wäre es also reizvoll, bestimmte Musiksammlungen einfach mit den Songs der Fake-Bands aufzufüllen. Bei Listen wie "Peaceful Piano", "Deep Focus" oder "Music For Concentration" fällt nicht weiter auf, wenn angesagte Popmusik fehlt.

Musik im Auftrag von Spotify?

Ein Musikproduzent erzählte MBW zudem, dass Spotify ihn beauftragt habe, Lieder unter ausgedachten Namen zu produzieren. Auch seine Songs hat Spotify in die Genre-basierten Playlists aufgenommen. Um seine Aussagen zu untermauern, überreichte der Produzent eine Liste seiner verwendeten Spotify-Pseudonyme an MBW. Und tatsächlich: Sie alle existierten, so die Recherchen des Online-Magazins. Zu finden waren auch Tracks mit mehr als 500.000 Streams. Es sei doch sonderbar, dass Künstler zwar Millionen Streams bei Spotify haben, aber keinen anderen Internet-Auftritt, befand MBW.

Gegenüber MBW gaben sich befragte Insider aus dem Musikbusiness, die bei Major- und Independent-Labels arbeiten, wenig überrascht: Man kenne die Fake-Bands und sei sich sicher, dass der akustische "Klavier-Kram" zu Spotify gehöre. Firmen würden im Auftrag des Streaming-Dienstes zu sehr günstigen Preisen Musik produzieren. "Die Labels hassen das", so ein anonymer Insider gegenüber MBW. Es sei eine Strategie, um den Anteil der Labels in den Playlists zu verkleinern, damit Spotify Kosten sparen könne.

All dem widerspricht Spotify und betont, dass alle Musiker auf den Playlists entlohnt würden. Den Hörern dürfte der Umstand womöglich völlig egal sein – schließlich ist bei entspannender Klavier-Musik unwichtig, wer da in die Tasten haut. (dbe)



from heise online News http://ift.tt/2uem0yC
via IFTTT

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen